Eine neue Normalität
«Geheilt» und trotzdem nicht unbeschwert. Psychoonkologin Dr. med. Barbara Zeyen begleitet Frauen nach einer Krebserkrankung. Aus ihrem Praxisalltag an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Bern erzählt sie, was in dieser Situation entlasten kann und wie Frauen ihren Alltag wieder selbstbestimmter gestalten können.
Nach einer überstandenen Krebserkrankung geht es darum, schrittweise wieder in die alltägliche Normalität zurückzufinden. Was kann dabei helfen?
Körperlich aktiv zu bleiben, auch wenn nach intensiven Behandlungen wie Chemo- und Antihormontherapie jede Bewegung ein Aufraffen ist. Schon während der Therapie empfehle ich tägliche Spaziergänge im Wald, in der Natur. Dabei kommt man zur Ruhe, vergleichbar mit einer Meditation. Und die Ruhe wiederum unterstützt die Genesung.
Spazierengehen?
Genau. Es mag banal klingen, ist es aber nicht. Muskeln bilden sich innerhalb weniger Wochen zurück, und auch das Herz-Kreislauf-System wird nicht mehr ausreichend trainiert. Dieser Teufelskreis lässt sich mit täglichen Spaziergängen durchbrechen. An einem schlechten Tag sind es vielleicht nur zehn Minuten, an einem guten Tag mehr. Bewegung hat zudem einen antidepressiven Effekt und einen sozialen Aspekt. Oft wissen Familie und Freunde nicht, wie sie Betroffene unterstützen können. Eine Einladung zum gemeinsamen Spaziergang ist ein guter Anknüpfungspunkt, zumal manche Patientinnen unter Schwindel leiden und froh um Begleitung sind.
Was tun Sie, wenn Sie bei dieser «einfachen» Empfehlung auf Skepsis stossen?
Dann erzähle ich von einer normal sportlichen 60-jährigen Frau, die Eierstockkrebs hatte. Nach Abschluss der Therapie hatte ich sie drei Monate nicht mehr gesehen. Als wir uns wieder trafen, erzählte sie fast beiläufig, sie sei auf dem Niesen gewesen. «Von der Mittelstation?», fragte ich. «Nein, von unten», antwortete sie und sagte, sie sei meiner Empfehlung gefolgt. Durch die täglichen Spaziergänge habe sie wieder Kraft und verspüre Tatendrang. Natürlich muss nicht jede Patientin den Anspruch haben, fitter als vor der Erkrankung zu werden. Doch es zeigt, wie viel man erreichen kann, wenn man sich regelmässig bewegt und sich langsam steigert.
Inwieweit belegen Studien die Wirksamkeit von Sporttherapie?
Neben den bereits erwähnten Aspekten deuten Studien darauf hin, dass Sport und Bewegung die Wirkung der Krebstherapien erhöhen, wahrscheinlich weil die Durchblutung besser ist und Nebenwirkungen dadurch reduziert werden. Bei bestimmten Krebsarten weisen Studien sogar auf verbesserte Überlebenschancen hin.
Was bieten Sie am Inselspital an?
Wir haben ein ambulantes, interdisziplinäres Programm zur onkologischen Rehabilitation. Es verbindet Bewegungstherapie, Ernährungsberatung, Stressmanagement und bei Bedarf weitere Unterstützungsangebote: zweimal pro Woche, über drei Monate. Wobei ich in der psychoonkologischen Sprechstunde immer wieder auf Vorurteile stosse. Nach dem Motto «Jetzt habe ich Krebs und soll auch noch zu dieser Psychotante!».
Unterstützt Akzeptanz die Genesung?
Ja. Fortschritte gibt es, wenn Akzeptanz da ist. Menschliches Leben ist verletzlich und von Unsicherheit geprägt. Diese Erfahrung ist einschneidend. Das zu akzeptieren ist ein Prozess, der Zeit braucht. Und niemand kann schriftlich attestieren, dass man für immer geheilt ist. Aber man kann lernen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu fassen und nicht bei jedem Schnupfen einen Rückfall zu befürchten. Im Grunde geht es darum, so zu leben, als ob der Krebs nicht wiederkäme und gleichzeitig auch aktiv etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun, zum Beispiel durch Bewegung oder andere Freizeitaktivitäten.
Welche Erfahrungen haben Ihre Patientinnen gemacht?
Das hängt von den persönlichen Vorlieben ab. Wunderbar ist alles, was die Aufmerksamkeit auf etwas anderes lenkt: zum Beispiel Singen im Chor, handwerkliche Arbeiten, Kino oder bewusst leichte Lektüre. Manche denken, sie müssten jetzt über ihr Leben nachdenken. Dann sage ich: «Müssen Sie nicht. Man darf auch einfach so weiterleben wie zuvor.» Solche Aussagen entlasten.
Und die Arbeit?
Auch Arbeiten hilft, die Gedanken nicht nur um sich selbst, das eigene Befinden und die Prognose kreisen zu lassen. Ich unterstütze den Wunsch, wenn jemand wieder einsteigen möchte, am Anfang vielleicht mit einem Teilzeitpensum.
Was können Familie und Freunde tun?
Viele Menschen sind verunsichert, gehen in eine Abwehrhaltung und geben ungefragt Ratschläge: «Du musst, du sollst, denk positiv! …» Darauf sollte man verzichten. Unterstützend sind dagegen Angebote. Eine Familie ist bestimmt dankbar, wenn man sie bei der Kinderbetreuung unterstützt oder einfach einen grossen Eintopf vorbeibringt. Wichtig ist, sich zu melden, denn die Betroffenen werden es nicht tun. Und einfach fragen: «Was brauchst Du, womit kann ich helfen?»
Dr. med. Barbara Zeyen
Arbeitet an der Universitätsklinik für Frauenheilkunde in Bern. Sie ist Fachärztin für allgemeine Innere Medizin FM mit Schwerpunkt psychosomatische und psychosoziale Medizin.