In dieser Rubrik wartet die Natur mit facettenreichen Pflanzenschätzen auf, die unseren Alltag begleiten – der Waldmeister zum Beispiel.

Waldmeister (Galium odoratum) kennt man in der Maibowle, in Wackelpudding oder im Weizenbier «Berliner Weisse». Wobei die zwei Letzteren in aller Regel nie echten Waldmeister zu Gesicht bekommen, stattdessen künstlichen Aromazusatz und giftgrüne Lebensmittelfarbe.

Früher nutzte man ihn nicht nur kulinarisch, sondern auch als probates Vertreibungsmittel gegen ungebetene Gäste, Ungeziefer zum Beispiel. Zu diesem Zweck wurde er ins Bettstroh gemischt oder in Kleiderschränke gelegt – Vorläufer unserer heutigen Lavendelsäckchen. Zudem galt Waldmeister als Kraut, das Frühlingsgefühle weckt und Herzen öffnet, weshalb es auch als Liebesmittel eingesetzt wurde.

Die Wirkung als Liebesmittel erklärt sich mit seinem Hauptwirkstoff, dem Kumarin. Sein Duft wirkt verführerisch und beglückend auf das limbische System. Es vermag kurzzeitig unsere Emotionen zu beeinflussen. Als Mittel bei gebrochenem Herzen ist Kumarin wohl weniger dienlich, als Herzmedikament hingegen findet es regen Einsatz. Seine blutgerinnungshemmende Wirkung beugt Thrombosen vor und schützt so vor Herzinfarkten. Weniger «herzensgut» wirken Kumarinverbindungen in Ratten- und Mäusegift, lassen sie doch die Nager an inneren Blutungen verenden.

Dank der heutigen Forschung können für die jeweiligen Einsatzgebiete die am besten geeigneten Kumarinverbindungen ausgewählt werden – die im Waldmeister bleiben der Maibowle vorbehalten. Und so bleibt dieser Waldmeistertrunk eines der besten Getränke, um Frühlingsgefühle zu wecken. Und mit Zugabe von giftgrüner Lebensmittelfarbe erinnert er uns daran, wie nah beieinander Liebesmittel, Herzmedikamente und Rattengift doch sein können.

Maibowle mit Waldmeister

In der Schweiz und Deutschland wird aus dem Waldmeister ein traditionelles Frühlingsgetränk zubereitet – die Waldmeisterbowle. Diese wird zur Feier des Frühlings genossen. Ein zauberhaftes Getränk, welches mit ein bis zwei Sektgläschen Frühlingsgefühle weckt.

Zutaten (für 12 Personen)
2 Sträusschen Waldmeister (mit je ca. 12 Trieben kurz vor der Vollblüte)*
120 g Zucker
2 Flaschen Weisswein (alkoholfreie Variante: Apfelsaft)
1 l Mineralwasser
1 Flasche Sekt (alkoholfreie Variante: Kindersekt)

* Für 1 Liter Maibowle mit einem Wert von maximal 5 mg Kumarin pro Liter sollte nicht mehr als 3,5 g frischer Waldmeister verwendet werden. In der Schweiz liegt der erlaubte Höchstwert von Kumarin in alkoholischen Getränken bei 10 mg/kg.

Zubereitung
Die Sträusschen werden gewaschen und kopfüber in eine flache Schale gelegt. Zum Waldmeister kommt der Zucker und der Weisswein hinzu, sodass die Blüten und Blätter vom Wein bedeckt sind.

Zugedeckt für 2 bis 4 Stunden im Kühlschrank ziehen lassen und danach den Waldmeister entfernen. (In Flaschen gefüllt ist dieser Sud einige Tage haltbar.)

Kurz vor dem Servieren werden Mineralwasser, Sekt und einige Eiswürfel dazugegeben.

Giovina Nicolai

Sie ist Dipl. Drogistin HF, Galenikerin und Bierbrauerin. Ihren Beruf übt Giovina im Labor einer Berner Apotheke aus, ihre Leidenschaft für (Heil-)Pflanzen und die Bierbraukunst teilt sie unter anderem in Workshops – in ihrem eigenen Pflanzenlabor.